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Wo ich zur Zeit schon ganz in der Nähe von Aarhus Urlaub in Dänemark verbringe, da gehört der Besuch des Dokk1 natürlich zum Pflichtprogramm. Und was bietet sich für den ersten „richtigen“ Beitrag im neuen Blog mehr an, als etwas über Bibliotheken UND Openness zu schreiben? Das Dokk1 in Aarhus, dessen Konzept Offenheit als Prinzip beinhaltet, liefert dafür gleich mal das richtige Thema.

Viel wurde und wird über das umstrittene Konzept des Dokk1 diskutiert. Gerne auch darüber, ob es sich dabei überhaupt noch um eine Bibliothek handelt oder ob nicht die Idee hinter dem Dokk1, wenn sie sich denn durchsetzen sollte, das Ende der Öffentlichen Bibliothek wie wir sie kennen bedeuten wird. Ich werde hier einmal sowohl meinen persönlichen Eindruck als Besucherin wiedergeben, als auch anschließend kurz auf die Frage eingehen, ob das Dokk1 denn für mich noch eine Bibliothek ist oder nicht (Spoiler: ja, das ist es).

Das Gebäude

Auf den ersten Blick ist das Dokk1 keine Schönheit. Das Gebäude mutet - zumindest für meinem Geschmack - an, wie eine 70er-Jahre Bausünde. Etwas viel betongrau.


Foto: Dokk1 Aarhus. Foto: Villy Fink Isaksen, Wikimedia Commons, License CC-BY-SA 4.0

Innen zeigt sich das Dokk1 als offen, luftig und hell. Die Fensterfront zum Hafen hinaus lässt den Raum größer wirken als er ist, wodurch die Wahrnehmung davon, was Innen und was Außen ist, ein wenig verschwimmt.


Dokk1, Blick auf Aarhus-Hafen. Foto: Gabi Fahrenkrog unter der Lizenz CC-BY 4.0

Die Ebene 2 ist auch, neben einer Treppe und einem Fahrstuhl, über eine Rampe erreichbar. Terassenförmig angelegt, verbindet sie Ebene 1 und 2. Auf den Stufen bzw. Terassen stehen verteilt Sitzgelegenheiten und Tische, an denen Menschen während meines Besuchs gearbeitet, gelesen oder auch Schach gespielt haben.

     
Dokk1, Rampe von oben und Rampe von unten. Fotos: Gabi Fahrenkrog unter der Lizenz CC-BY 4.0

Am Eingang der 1. Ebene befinden sich die bibliothekarische Information, das Bürgerzentrum der Stadt sowie ein kleiner Counter der Touristen-Information. Dahinter dann sind die einzelnen Bereiche der Bibliothek. Dazu gehören, wie in vielen Bibliothek üblich, Regale voller Bücher, eine Zeitschriftenecke, Gruppenarbeitsräume, ein Cafè sowie diverse Arbeits- und Lesezonen.
Auf der 2. Ebene befindet sich der großzügig gestaltete Bereich für Familien und Kinder.
Neben dem Stadtarchiv von Aarhus gibt es auf Ebene 3 schließlich noch Veranstaltungsräume und eine Fläche des Center für Innovationen, das bei meinem Besuch gerade eine Ausstellung zu Innovationen im Bereich der Pflege und der Mobilität für ältere und körperlich eingeschränkte Menschen beherbergte.


Ebenen des Dokk1, Screenshot, schmidt hammer lassen architects and Architect Kristine Jensens Tegnestue, nicht unter freier Lizenz

Gelebte Offenheit

(...) the building is a flexible and dynamic sanctuary for everyone in search of knowledge, inspiration, and personal development, i.e. an open and accessible learning environment promoting democracy and a sense of community. (DOKK1 and the Urban Waterfront, S. 9)

Dass für den Bau eigens ein Berater für das Thema Accessibility hinzugezogen wurde, zeigt sich im und um das Gebäude herum. Vermutlich weil es so vollkommen ungewohnt ist, empfinde ich die Barrierefreiheit im Gebäude als geradezu überwältigend. Die Architektur ist offen, die einzenen Bereiche gehen fast fließend ineinander über und man nimmt auf den Ebenen 1 und 2 jeweils den Wechsel von einem Bereich in den anderen kaum wahr.
Während ich staunend das Gebäude erkunde, arbeiten, spielen, kommunizieren, forschen, hören, denken, essen und trinken Menschen in allen Bereichen des Dokk1. Einige von ihnen bewegen sich auf Socken oder auch barfuß durch die Räume. Überhaupt werden alle Räume genutzt, in allen Bereichen sind Menschen, die sich den Raum auf die eine oder andere Weise zu eigen machen. Für mich sieht es aus, als eroberten sich die Menschen der Stadt das Dokk1 als tatsächliche Erweiterung des städtischen Raums - wie einen Park oder öffentlichen Platz -, nehmen ihn für sich ein und nutzen ihn individuell.

Das ist ja alles ganz schön, aber ist das noch eine Bibliothek?

Das Konzept von Bibliothek ist im Dokk1 recht konventionell umgesetzt.
Auf zwei von drei Ebenen des Dokk1 finden sich all die Bereiche und Räume, die den Anforderungen an eine moderne Öffentliche Bibliothek entsprechen: Areale für die unterschiedlichen Medienformen- und Formate, ausgebaute Bereiche für Familien und Kinder, Gruppenräume, Arbeits- und Lesezonen, ein Cafè. Darüber hinaus gibt es einen Makerspace, eine Gaming-Zone und ein Tweens Lab.
Von dieser Seite aus betrachtet, ist das Dokk1 ganz eindeutig eine Bibliothek. Eine Bibliothek unter deren Dach Behördenangelegenheiten erledigt werden können und die erweitert ist um Kreativ,- Maker- und Gamingbereiche.

The ibrary is a covered urban public plaza.

Das eigentlich Revolutionäre am Dokk1 ist das Konzept der radikalen Offenheit, das die Menschen und ihre Anforderungen an Bibliothek in einem urbanen Umfeld in den Mittelpunkt stellt.
Weiter ist das eigentlich Revolutionäre an dieser Bibliothek, die klare Ausrichtung auf Lebenslanges Lernen und auf die Erfordernisse, denen sich der urbane Mensch mit den Veränderungen durch die fortschreitende Digitalisierung wird stellen müssen. Darauf beziehen sich die Grundwerte des Dokk1:

Core Values for Dokk1

  • The citizen as key factor
  • Lifelong learning and community
  • Diversity, cooperation and network
  • Culture and experiences
  • Bridging citizens, technology and knowledge
  • Flexible and professional organisation
  • Sustainable icon for Aarhus
  • (https://dokk1.dk/english/about-dokk1)

Ist das denn nun wirklich die Zukunft der Bibliothek?

Von mir als Antwort hierzu ein eindeutiges „Ja“. Wenn auch mit Einschränkungen.

Allein aufgrund des lange bestehenden Bibliotheksgesetzes haben Bibliotheken einen größeren Stellenwert in Dänemark, als sie es in Deutschland haben. Über deren Sinn und Zweck sowie ihre Finanzierung wird sicher sehr viel weniger gestritten, als bei uns. Eine Bibliothek in der Form des Dokk1 ist ohne diesen Rahmen und der damit verbundenen traditionell starken Rolle von Bibliotheken in Dänemark wohl kaum denkbar.
Das Dokk1 ist Teil eines Gesamtkonzeptes der Stadt Aarhus, das auf die Zukunft der Stadt und ihrer Bürgerinnen und Bürger ausgerichtet ist. Die Bibliothek kann nicht isoliert von diesem Gesamtkonzept betrachtet werden, das Kultur und Bildung als gleichberechtig neben Wirtschaft und Technologie berücksichtigt. Sie soll das Wahrzeichen der Stadt sein, ein starkes Symbol für die Werte, für die Aarhus steht und denen man sich im Sinne der dort lebenden Menschen verpflichtet sieht. Mir ist kein Fall in Deutschland bekannt, in dem einer Bibliothek eine ähnlich herausragende Bedeutung im Hinblick auf Stadtentwicklung und die Entwicklung ihrer Bügerinnen und Bürger zugesprochen würde.

Generell werden Bibliotheken bei uns zwar als „nice-to-have“ wahrgenommen, eine besondere Bedeutung wird ihnen als integraler Bestandteil im Rahmen städtischer oder kommunaler Entwicklung aber eher selten beigemessen. Damit sich Bibliotheken entwickeln können, sich auf die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts ausrichten und ein öffentlicher Raum der Stadt oder der Kommune in diesem Sinne sein können, müssen sie es aber auch sein dürfen. Voraussetzung dafür sind Politik und städtische/kommunale Verwaltungen, die entsprechende Ziele vorgeben, Ressourcen bereitstellen und Freiräume für deren Umsetzung schaffen.

Darum: Ja, ich denke die Öffentliche Bibliothek der Zukunft ist im besten Fall ähnlich wie das Dokk1 aufgestellt.
Aber: Nein, ich glaube nicht, dass es sich die Idee und das Konzept auf deutsche Städt und Kommunen übertragen lassen.

Zum Abschluss ein kurzer Beitrag über das Dokk1 bei ZDF - Heute in Europa
(Dank an Tobias Zeumer für den Hinweis!)

 


Zum Weiterlesen

Dokk1: About Dokk1
Urban Media Space: Dokk1 and the Urban Waterfront (PDF)
FAZ v. 03.10.2015: Und wo sind hier die Bücher?
Literaturecho.com: Bibliotheken heute: Bildungsinstitutionen oder Veranstaltungsräume?

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Unter neuem Namen und mit eigener Domain starte ich noch einmal mit einem Blog. Nachdem ich inzwischen an unterschiedlichen Stellen schreibe (etwa hier, hier und hier) und geschrieben habe (hier, hier und hier), meine eigenen Themen dabei aber irgendwie immer hinten runterfallen, wurde es Zeit für das neue Projekt. Den letzten Anstoß dazu gab mir ein guter Freund und Grafiker, der mir zur Motivation mein eigenes Logo schenkte <3. Also los!
Fireworks, Foto: Tony Hisgett (via Flickr) unter der Lizenz CC BY 2.0